Victor ist Victoria!

HISTORISCHES

Bestandteil der „Articles of Agreement“, auf den die Piraten einen Eid schwuren, war häufig ein Verbot von Frauen an Deck ihrer Schiffe. Frauen galten als „schwache, nutzlose, hysterische Wesen, die Männer ablenken und die Unglück aufs Schiff bringen. Sie rufen übernatürliche Winde wach, die die Schiffe zum Sinken bringen und die Männer ertrinken lassen.“ schrieb David Cordingly in seinem Buch „ Women Sailors and Sailors’ Women“. Historische Quellen beweisen, dass Frauen zur See fuhren – manchmal als Seemann, manchmal als Pirat. Anne Bonny und Mary Read waren wahrscheinlich die Berühmtesten, aber es gab auch viele namenlose, die allerdings, wie Mary Read, in eine männliche Verkleidung schlüpfen mussten.

Um in dieser anderen Rolle zu überzeugen, mussten sie natürlich mehr tun, als sich zu verkleiden. Sie mussten die Manierismen der Männer kopieren: Sich wie einer bewegen, reden, kämpfen, fluchen und saufen. Sarah Collins Identität als Frau, angeworben mit ihrem Bruder während des englischen Bürgerkrieges, wurde beispielweise entdeckt, weil sie ihre Schuhe und Socken unmännlich anzog.

Im Goldenen Zeitalter der Seefahrt war es nicht schwer als Mann verkleidet, an Bord eines Schiffes zu gelangen. Die Seemannskleidung ließ die weiblichen Konturen verschwinden. Angehörige der Marine trugen zu der Zeit ihr Haar lang und zu einem Zopf zurückgebunden. Wenn die Brüste mit Bandagen weggebunden wurden, konnte man unter den damals üblichen weiten Hemden und Jacken die weiblichen Kurven nicht mehr erkennen. Das breite Becken verschwand in den weiten Pluderhosen. Die Seeleute entkleideten sich selten, höchstens wenn sie der Arzt wegen einer Verletzung behandeln musste. Billy Bridle, ein kühner Seemann, der an Bord eines Schiffes für zwei Jahre diente, forderte einen Kameraden zu einem Wettkampf heraus. Wer den höchsten Mast des Schiffes zuerst erklomm, sollte gewinnen. Billy rutschte ab und fiel. Niemand hatte vermutet, was bei der Leichenschau zutage kam, der Billy war eine Rachel.

Die Körperfunktionen eines Mannes beim Urinieren nachzuahmen war ein anderes Problem, aber kein unlösbares. Manche Frauen urinierten durch ein Röhrchen, welches sie geschickt mit ihrer Hand verdeckten, wenn sie sahen, dass ihre Kameraden sie beobachteten. Hatte der verkleidete weibliche Seemann die Monatsblutung, wurden die Kameraden nur deshalb nicht misstrauisch, weil zu dieser Zeit etliche blutige Geschlechtskrankheiten die Seeleute heimsuchten. Bei manchen Frauen hatte die Menstruation wegen der harten Arbeit und der schlechten, mangelhaften Ernährung auch ganz ausgesetzt.

Die schwere körperliche Arbeit, wie das Einholen und Setzen der Segel, die Bedienung der Pumpen und der Ruderboote, war für die Frauen aus der Arbeiterklasse des 17. Jahrhunderts kein Problem. Frauen dieser Zeit waren es gewöhnt über viele Stunden körperlich anstrengende Arbeiten zu verrichten und so konnten sie auch das Handwerk des Seemannes erfüllen.

Einige bemerkenswerte Frauen nahmen erfolgreich die männliche Identität an, aber was brachte sie eigentlich dazu? Die Rechte der Frauen in England im 17. Jahrhundert waren noch stark eingeschränkt. Zwar hatten sie das Recht auf eigenen Besitz und Vermögen, aber nach einer Heirat gingen diese komplet an den Ehemann über. Ihnen war per Gesetz verboten, in bestimmten Berufen zu arbeiten. Frauen durften nicht beim Militär, bei der Polizei, bei Gericht, als Mediziner arbeiten. Frauen der Mittel- und Unterschicht arbeiteten als Näherin, Tuchfärberin, Hutmacherin, Schuhmacherin, Hebamme, Apothekerin oder Wäscherin. Einige waren auch in Brauereien, Bäckereien und im Straßenverkauf von Lebensmitteln tätig. Eine sehr häufige Aufgabe der Frauen war die der Hausangestellten. Auf dem Land waren die Frauen mit der Organisation des Haushaltes und der Farm beschäftigt, wobei hier auch schwerer körperlicher Einsatz an der Tagesordnung war.

Wieso schlüpften die Frauen also in die Männerrolle? Männer hatten in dieser Gesellschaft mehr Rechte und als Mann konnte sie über ihr Geld selbst bestimmen. Sie mussten ihren Verdienst nicht an den Vater oder Ehemann abgeben.
Auch hatte ein Mann das Recht auf freie Berufswahl. Mary Read diente in Männerkleidern beim Militär als einfacher Soldat, bevor sie zur See fuhr. Als Frau gab sie sich überliefert erst durch die enge Freundschaft zu der offen als Piratin lebenden Anne Bonny zu erkennen.

Wie viele Frauen unter den zahlreichen namenlosen Piraten waren, ist nicht schriftlich überliefert. Viele kamen aus den unteren Klassen und hatten nie eine Schule besucht. Konnten sie schreiben, hätten sie aus Angst, dass ihre Tarnung enthüllt wird, niemals etwas notiert. Piraten, die über ihre Taten berichteten, erwähnten Frauen nur im Zusammenhang mit einem Wort: Opfer.

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