Edgar Allan Poe – Ein Kartograf des Unbewussten

ein Text von Ulrike Brunotte bei mare-online

Als Edgar Allan Poe am 4. Oktober 1849 die Stadt Richmond auf dem Dampfschiff „Columbia“ in Richtung Baltimore verließ, war er zwar bereits als Dichter bekannt, aber noch lange nicht etabliert. Gerade hatte er eine erfolgreiche Lesereise abgeschlossen und trug eine größere Summe Geldes bei sich. Am Abend des 5. Oktober muss sich Poe an den Baltimorer Docks, ganz in der Nähe seines Schiffes, aufgehalten haben. Dort wurde er überfallen, unter Drogen gesetzt, ausgeraubt und zusammengeschlagen. Ob er in die Hände normaler Diebe oder – so eine andere Version der Legenden um seinen Tod – in die von Wahlschleppern geraten war, ist bis heute ungeklärt. Eine ganze Nacht lag der Dichter schwer verletzt auf der Straße. Erst am darauffolgenden Tag fand ein Passant den Bewusstlosen, erkannte ihn und sorgte dafür, dass man ihn in ein Hospital überführte.

Der behandelnde Arzt Dr. Moran schreibt in seinen Erinnerungen, Poe habe die letzten einsamen Tage seines Lebens in „wildem Delirium“ zugebracht. „Dieser Zustand dauerte zwei Tage“, so Moran, „als er anfing, nach einem gewissen ‚Reynolds‘ zu rufen, was er die ganze Nacht bis um drei Uhr Sonntagmorgen tat.“

Des Dichters Ruf nach Reynolds klingt wie der Schrei nach einem Geistesverwandten. Jeremiah N. Reynolds war ein enthusiastischer Polarforscher. Mehrmals hatte er sogar versucht, eine amerikanische Expedition zum Südpol auf die Beine zu stellen. Als Poe Reynolds 1837 in New York kennenlernte, machte dieser durch Vorträge und Pamphlete von sich reden. Der Journalist Poe berichtete im „Southern Literary Messenger“ über dessen politische Bemühungen vor dem Ausschuss für Seefahrtsangelegenheiten. Dabei ergriff er geradezu leidenschaftlich Partei für das Anliegen Reynolds‘, die Grenzen des bisher Bekannten durch eine nationale Expedition zu überschreiten und „den unternehmenden Kaufmann und den kühnen Fischer nicht allein im Kampfe mit gefährlichen Felsenriffen und Passagen durch unerforschte Archipele“ zu lassen, sondern endlich „selbst Pioniere in den Weiten dieses inselübersäten Ozeans zu werden“. Inmitten der öffentlichen Verhandlungen um eine amerikanische Antarktisexpedition diskutierte man damals ernsthaft die von Reynolds vertretene Theorie riesiger Erdtunnel an den Polen.

Seit 1818 schon hatte ein anderer Seefahrer, der amerikanische Kapitän John Cleve- Symmes, versucht, wissenschaftlich zu beweisen, dass die Erde hohl sei und dass es an den Polen Öffnungen gebe. 1820 publizierte dieser unter dem Pseudonym „Captain Adam Seaborn“ einen Roman mit dem Titel „Symzonia: A Voyage of Discovery“, der die Reise eines Dampfschiffs zu den Südpolöffnungen und darüber hinaus bis ins Erdinnere beschrieb.

Diese geografische Utopie blickt auf eine alte, bis Platon reichende Tradition zurück. 1664 zeichnete Athanasius Kircher, ein deutscher Jesuit in Rom, in „Mundus Subterraneus“ das Szenario ozeanischer Strömungen, die aus einem mächtigen Strudel am Südpol aufstiegen, um am Nordpol von einem ebenso abgründigen Malstrom wieder eingesaugt zu werden.

Wie die seefahrenden Pioniere, so verstand sich auch der Schriftsteller Edgar Allan Poe als wissensdurstiger Kartograf eines unbekannten Terrains: den Grenzbereichen der Seele. Dabei verdichtete sich in Poes Meeresgeschichten die mystische Geografie zu einer Landkarte des Unbewussten. Hatte der romantische Dichter noch in seinem frühen Gedicht „An die Wissenschaft“ von 1827 diese als Feindin der Imagination verworfen, so festigte sich später die Überzeugung, dass wahre Forschung die Gelüste der Imagination sehr wohl zu befriedigen vermöge. Hinfort sollte Poe nicht allein als der Erfinder der Detektivgeschichte, sondern auch als einer der Begründer der Science-Fiction berühmt werden.

Das Bild des todbringenden Malstroms schwebt dabei wie ein Motto über dem Gesamtwerk Poes. Bereits in der Seegeschichte „MS Found in a Bottle“ („Das Manuskript in der Flasche“, 1832) und in seinem einzigen Roman, der 1838 unter dem Titel „The Narrative of Arthur Gordon Pym of Nantucket“ („Umständlicher Bericht des Arthur Gordon Pym von Nantucket“) erschien, sind die Poeschen Helden Reisende, deren geheimes Ziel die Vernichtung ist. Pym ist kein welterobernder Abenteurer, sondern ein Wissensdurstiger, den es dazu treibt, die Grenze des Todes zu überschreiten. Dabei folgt seine Katastrophensehnsucht dem gefährlichen „Geist der Perversheit“. So nannte Edgar Allan Poe den selbstzerstörerischen Drang, dem auch er zeitlebens ausgeliefert war.

Auf Dauer in harmonischen Verhältnissen zu leben war ihm offenbar nicht möglich. In Richmond war es ihm zwar gelungen, die Auflagen des „Southern Literary Messenger“, einer bis dahin unbekannten Zeitschrift, durch seine Rezensionen und Erzählungen in ungeahnte Höhen zu treiben. Doch anstatt seinen Erfolg zu genießen, überwarf er sich kurz darauf vom Alkohol getrieben mit seinem Chef. 1837 versuchte er dann in New York sein Glück, mitten in einer Wirtschaftskrise. Poe hatte einen denkbar ungünstigen Zeitpunkt für den Beginn einer neuen literarischen Karriere im Zentrum des damaligen Geisteslebens gewählt. So schrieb er die ersten Teile von „The Narrative of Arthur Gordon Pym of Nantucket“ abends in einem heruntergekommenen Hotel am Waverley Place, während er tagsüber bei allen Wochen- und Monatszeitungen der Stadt für eine Anstellung vorsprach. Als „Arthur Gordon Pym“ 1838 als Roman auf den Markt kam, war er ohne Verfasserangabe. Ein ausführliches Vorwort über die Umstände der Veröffentlichung dieser „wahren“ Reiseerzählung und ein ebenso ausführliches Nachwort des angeblichen Herausgebers Mr. Poe vom „Southern Literary Messenger“ verfehlten nicht die erwünschte Wirkung und machten die Leserschaft glauben, ein authentisches Dokument in den Händen zu halten. Um dessen Glaubwürdigkeit noch zu steigern, zitierte Poe eine längere Passage aus Reynolds‘ Forschungsbericht und ließ zahlreiche Fachausdrücke aus der nautischen Sprache in sein Werk einfließen.
(Textauszug)

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