Blaue Löcher – Tiefseetaucherin Stephanie Schwabe

TAZ-Interview von WALTRAUD SCHWAB:

„Und dann vergesse ich, wo ich bin“
Seeleute nannten die Eingänge zu Unterwasserhöhlen „blaue Löcher“. Die Taucherin und Umweltjuristin Stephanie Schwabe erforscht sie – manchmal unter Lebensgefahr.

taz: Frau Schwabe, Sie haben einen deutschen Namen.

Stephanie Schwabe: Ich bin in den USA aufgewachsen, aber in einem sehr deutschen Haushalt. Als Kind war ich sehr isoliert. Und sehr neugierig. Das hat mich gerettet. Ich habe mich immer gefragt, was da ist, wo man nichts mehr sieht. Ich wollte wissen, was zwischen Grashalmen lebt. Ich wollte wissen, was unter Wasser ist. Vielleicht bin ich deshalb Taucherin geworden.

Sie sind Tiefseetaucherin. Wie ist es, wenn Sie im Wasser verschwinden?

Ich denke nicht daran. Ich merke nur, es wird dunkler. Ich spüre den Wasserdruck und konzentriere mich auf die Atmung. Nach einer Weile gewöhnt man sich daran. Dann sieht man plötzlich, was um einen herum ist. Obwohl ich das so viele Jahre mache, erlebe ich es jedes Mal neu. Ein Fisch kommt an und macht irgendwas Komisches oder ein Hai. Und dann vergesse ich, wo ich bin, und weiß nur, ich sollte nicht hier sein, ich gehöre da nicht hin.

Und wie ist das Auftauchen?

Besonders. Ich gehe ja in Unterwasserhöhlen hinein. Eigentlich bin ich Höhlentaucherin. Das ist, als tauchte ich in den Bauch eines riesigen Steines hinein, und je weiter ich reingehe, desto gefährlicher ist es, desto länger ist mein Rückweg. Ich vergesse das nie. Wenn ich dann wieder zurückschwimme und endlich das gelbe Licht am Ausgang der Höhle sehe, weiß ich: Gott sei Dank, ich habe es nochmal geschafft.

Ich stelle es mir wie eine Geburt vor.

Genau. Leute fragen mich immer: Warum machst du das? Das ist so gefährlich, es kann etwas einstürzen und den Rückweg versperren, es kann Strömungen geben. Es gibt so viele Unwägbarkeiten. Aber wissen Sie, dahin zu gehen, wo kein Mensch jemals vorher war, das ist wahnsinnig. Es zieht mich in die Höhlen rein. Ich will wissen, was um die Ecke ist. Ich kann das nicht lassen. Obwohl ich vier Mal beinahe gestorben wäre. Trotzdem gehe ich wieder rein – immer weiter ins Unbekannte. Wenn ich dann wieder auftauche, fühle ich mich fast neu geboren. Aber der Lärm und das ganze Pipapo an Land ist immer wie ein Schock.

Sie tauchen vor allem zu Forschungszwecken auf den Bahamas. Weil es im Kalkstein, aus dem die Inseln sind, sehr viele riesige Unterwasserhöhlen gibt. „Blaue Löcher“ heißen die.

Ich mag die Bezeichnung „blaue Löcher“ nicht. Das ist ein altes Wort und sagt nichts aus. Seeleute haben die blauen Stellen im Meer vor zweihundert Jahren so genannt. Sie haben nur das dunkelblaue Wasser gesehen und wussten nicht, dass das Höhleneingänge sind. Das weiß man erst seit Mitte des letzten Jahrhunderts. Die Seeleute merkten nur, dass sie in diesen blauen Löchern gut die Anker setzen können. Oft haben sie sie dann allerdings nicht mehr rausgekriegt. In den Höhlen sehen diese Anker mitunter sehr bizarr aus. So als hingen Kronleuchter an der Decke.

Sie nennen die blauen Löcher stattdessen horizontale und vertikale Höhlen. Was macht die so besonders?

Manche dieser Höhlen oder Kavernen liegen mitten auf Inseln und halten das Süßwasser. Tiere und Menschen leben von diesen Frischwasserdepots. Wenn da gebaut wird oder wenn diese Wasserlöcher verschmutzt werden, ist das ganze Ökosystem betroffen. Höhlen an der Küste wiederum liegen im Salzwasser. Wenn sie bei Ebbe über Wasser liegen, kommt die Flut zeitversetzt da an. Es entsteht ein Strudel, wie beim Abfluss im Waschbecken, nur mit viel größerem Sog. Ganze Schiffe können hineingezogen werden. Wenn ich in so einer Höhle tauche, wenn die Strömung einsetzt und ich nicht mehr viel Sauerstoff hätte, wäre es sehr schwer, da noch rauszukommen.

Und was ist aus Forschersicht so besonders an den Höhlen?

Sie sind Archen Noahs. Da leben Bakterien und wirbellose Tiere, die wir schon lange Zeit für ausgestorben halten. Lebende Fossilien sind es. Plötzlich sieht man also Tiere da schwimmen und man denkt: Hallo, dich sollte es doch schon seit Millionen Jahren nicht mehr geben. In den Höhlen ist die Geschichte der Evolution Gegenwart. Außerdem sind die Höhlen, die ganz im Meer liegen, ein Refugium für viele Fische, auch solche, die schon nahezu ausgerottet sind. Sie halten sich meist im Eingangsbereich auf. Wenn die Flut reinkommt, dann zieht das Wasser die Nahrung für die Fische mit rein. Es ist wie ein Schlaraffenland für sie.

Dann sind die Höhlen ein von der Natur geschaffenes Naturschutzgebiet für Fische.

Es gibt auch tolle Korallenriffe in den Höhlen. Hier haben sie hunderte Meter Wand, wo sie drauf wachsen können, ohne dass ein Anker reingeworfen wird oder ein Sturm sie auseinanderreißt. Es ist wirklich eine geschützte Welt. Zum einen, weil die Leute Angst vor den Höhlen haben, und zum anderen, weil man nur für kurze Zeit drin sein kann. Es ist wie eine Welt, die der normalen zur Seite gestellt ist. Da sind lebende Formen, die wir nie an der Oberfläche gesehen haben.

Wie sind die Höhlen entstanden?

Meiner Erkenntnis nach sind die Höhlen durch Säuren, die die Bakterien ausscheiden, entstanden. Das ist ja alles Kalkstein auf den Bahamas. Und die Stoffwechselprodukte der Bakterien sind so stark, dass sie den Stein zersetzen. Das ist wie in Europa mit den alten Kirchen. Es ist nicht der Dreck an sich, der den Stein kaputtmacht. Es sind die säurehaltigen Stoffwechselprodukte der Bakterien, die vom Dreck leben. Je mehr Dreck auf den Kirchen, desto mehr Bakterien, desto mehr Zersetzung.

Sie tauchen in Höhlen ein, in denen es Materie gibt, die von ihrer Struktur her Millionen Jahre alt ist. Ist das nicht, als tauchten Sie in die Ursuppe?

Ja, da sind so viele Stellen, wo ich das Gefühl habe, ich schaue durch ein Zeitfenster Millionen, sogar Milliarden Jahre zurück. Das ist für mich, was Leben ist. Das Leben hat gar nichts zu tun mit Geld oder was für ein Auto man fährt. Millionäre können alles kaufen. Aber so was können sie nie erleben. Ich fühle mich so glücklich, dass ich da sein kann, wo kein Mensch zuvor je gewesen ist. Das macht mich reich.

Was passiert mit einem unberührten Ort, wenn plötzlich ein Mensch kommt?

Auch Entdecker sind Eindringlinge. Deshalb bin ich sehr vorsichtig, Wissen Sie, wenn man tauchen geht, muss man auch mal pinkeln oder so. Ich tue das nicht. Ich mache nur Fotos und Notizen. Wenn ich eine Steinprobe nehme, dann nur dort, wo man das nicht sieht. Wir Menschen haben in der Natur so viel zerstört, ohne etwas zurückgegeben zu haben. Das ist bitter. Deshalb gibt es Situationen, wo ich als Naturwissenschaftlerin sagen muss: Das lasse ich in Ruhe. Ich habe es gesehen, ich bin glücklich, dass ich es gesehen habe. Ich weiß davon, aber ich erzähle es niemandem. Vielleicht bleibt es so, bis es die Menschen nicht mehr gibt. Dann kann passieren, was will.

Wie sehen die Höhlen aus?

Jede ist anders. Und jedes Stück von so einer Höhle, vom Eingang bis ganz hinten, verändert sich dauernd. Viele Wissenschaftler verstehen das nicht. Die gehen davon aus, dass die Bedingungen in der einen Höhle die gleichen sind wie in der nächsten.

Ist das überhaupt immer Wasser, durch das Sie tauchen, oder kann das auch eine andere chemische Zusammensetzung haben, wenn Bakterien so mächtig sind, dass sie ganze Höhlensysteme formen können?

Es ist Wasser. Aber es gibt Höhlen, wo Süß- und Salzwasser aufeinandertreffen. Die beiden haben unterschiedliche Dichte. Salzwasser ist gesättigter und hält das Süßwasser oben. Diese Kanten zwischen Süß- und Salzwasser sind ideal für bestimmte Bakterien. Sie vermehren sich dort wahnsinnig und scheiden Säuren aus. Von Schwefelsäuren über Nitratsäuren, Wasserstoffsäuren, Milchsäuren, Glukosesäuren ist alles möglich. Mitunter sind diese Schichten so sauer wie Essigwasser und die Schwebteilchen so konzentriert, dass man nicht hindurchschauen kann. Das Wasser an diesen Kanten ist nicht blau. Es ist rot oder braun oder hat andere Farben. Wenn man da durchtaucht, ist es, als würde man im Fußboden verschwinden. Man muss die chemische Zusammensetzung des Wassers an diesen Kanten sehr genau analysieren, weil es sehr gefährlich ist, durchzugehen, aber das lohnt sich für mich.

Weil es so schön ist und Sie da wirklich ins Unbewusste tauchen?

Ja. Ich weiß nie, was auf der anderen Seite ist. Wenn man durch diese blickdichte Schicht, diesen Fußboden, getaucht ist, ist das Wasser ja wieder klar. Aber es ist sehr gefährlich. Ich sage Ihnen, jedes Mal, wenn ich tauchen gehe, habe ich auch Angst. Jeder Fehler kann tödlich sein.

Ihr Ehemann ist beim Tauchen verunglückt.

Rob war ein interessanter Mann, er war als Mensch unsicher und hatte gleichzeitig ein wahnsinniges Ego. Er war ein Draufgänger, übermütig geworden, weil er einmal großes Glück hatte beim Tauchen. Er glaubte, das, was er kann, kann niemand sonst. Wenn wir Proben nehmen sollten, sagte er: Du sammelst in 40 bis 60 Meter Tiefe und ich alles, was tiefer ist. Jedem war klar, dass er zu viel riskiert. Nur ihm nicht. Es ist gefährlich, tief zu gehen. Der Wasserdruck kann deine Äderchen im Auge zum Platzen bringen. Du siehst nichts mehr. Viele Leute glauben es nicht, aber wenn man keine Angst mehr hat, dann wird es riskant. Ich sage mir immer, sobald ich keine Angst mehr habe, höre ich auf.

Tauchen Sie alleine?

Ich habe zu oft erlebt, dass Leute Panik bekommen haben und alle anderen damit in wirklich gefährliche Situationen brachten. Deshalb tauche ich fast nur noch allein. Viele wollen ja auch nur mit, um hinterher anzugeben: Weißt du, ich bin Höhlentaucher.

Sie haben unberührte Höhlen gefunden, aber Sie geben die Koordinaten dieser Höhlen nicht weiter. Warum nicht?

Ich will nicht, dass sie für jeden offen sind. Dann geht alles kaputt.

Kennen Sie Höhlen, die kaputtgegangen sind?

Viele. Wenn Leute in Höhlen gehen, zerwühlen sie die verschiedenen Wasserschichten. Außerdem schlägt der Sauerstoff, der ausgeatmet wird, an die Höhlendecken und reißt viel von dem, was da wächst, ab. Der Mensch ist dabei, alles kaputtzumachen. Nicht nur die Höhlen, das ganze Meer.

Meinen Sie wegen der Klimaerwärumung?

Nein, wegen der Verschmutzung. Erdgeschichtlich hat es auch Zeiten gegeben, die wärmer waren als die jetzige. Aber nicht das CO2, das in den Ozeanen gespeichert ist und bei wärmerem Wasser freigesetzt wird, ist das Problem bei der Übersäuerung der Meere. Das hat es früher auch gegeben und die Natur hat sich nicht so zersetzt, dass sie sich nicht mehr erholen konnte. Denn je wärmer das Wasser, desto langsamer ist auch die Zersetzung. Aber die Verschmutzung der Meere gab es früher nicht. Die Bakterien, die den ganzen Dreck im Wasser abbauen, scheiden Säuren aus und das bringt das System richtig aus dem Gleichgewicht, deshalb werden sich die Ozeane nicht mehr gut erholen können. Es macht mich verrückt, dass diese Zusammenhänge so wenig bekannt sind.

Sie fürchten um den Blauen Planeten?

Leute fragen mich oft: Wie lange, denkst du, haben wir noch auf der Erde? Ich sage: vielleicht hundert Jahre. Dann wird es für Menschen und andere größere Lebewesen kaum mehr möglich sein, auf der Erde gesund zu leben. Bakterien und Kakerlaken, die werden alles wieder erben.

Beginnt im günstigsten Fall alles von vorne?

Genau. Als Mensch sitzen wir hier und sagen: Wir sind so eine schlaue Kreatur. Aber so schlau sind wir nicht, wenn wir nicht wissen, dass wir ohne sauberes Wasser und saubere Luft nicht leben können. Aber ohne Öl und Geld und Atomkraft könnten wir leben. Keiner glaubt mir.

Es gibt viele, dies wissen. Natürlich, man ist ständig herausgefordert: die Bequemlichkeit …

Ich verstehe nicht, dass Gier so viel populärer ist als Verzicht. Und dass man sich für Verzicht rechtfertigen muss, aber nicht für Gier. Ich brauche ein Dach und meine Gesundheit und was zum Essen, zum Trinken, zum Atmen. Aber viele Leute verstehen nicht, was genug und wichtig ist. Sie denken: Wenn ich viel Geld habe, dann kann ich mir Gesundheit kaufen. Aber wenn die Luft dreckig und das Wasser verseucht ist, hilft dir Geld nichts. Das versuche ich auch meinen Studenten zu vermitteln. Die gucken mich an mit ihren iPhones und verstehen nichts. Zwischen ihren Augen ist es leer.

Sie haben Geologie studiert und auch Umweltrecht. Warum?

Weil man juristisch versiert sein muss, wenn man die Umwelt schützen will.

Welche Umweltprozesse führen Sie?

Ich habe Leuten auf Grand Bahama, einer der nördlichsten Bahamainseln, geholfen. Die Inseln sind aus Kalkstein und es gibt internationale Konzerne, die diesen Stein großflächig abbauen und auf der ganzen Welt verkaufen. Sie zerstören riesige Teile der Inseln – und dabei auch die Trinkwasserreservoire der einheimischen Bevölkerung, weil sie die Höhlen kaputtmachen und das Meerwasser in die Süßwasserreservoire dringt. Milliarden werden mit dem Abbau des Steins verdient, aber die Einheimischen kriegen davon nicht nur nichts ab, ihre Lebensgrundlage wird zudem zerstört. Ihre Wasserreservoire sind kaputt. Sie können jetzt nur noch Regenwasser sammeln.

Konnten Sie etwas erreichen?

Ein wenig, aber sobald ich weg bin, fangen die wieder an, Stein abzubauen. Die Unternehmen sind sehr mächtig. Und gefährlich. Mir wird gedroht: Frau Schwabe, Sie wissen doch, dass Höhlentauchen sehr gefährlich ist, sagten sie zu mir. Aber so was macht mich wütend, richtig wütend.

Ihre ganze Arbeit ist ein Appell?

Ja. Meine Mutter hatte solche Angst um mich. Die sagte immer: Steffi, du kannst das nicht ändern. Ich habe geantwortet: Weißt du, Ma, jedes Mal, wenn die Unternehmen wieder Stein abbauen und sich nicht an die Auflagen halten, schauen die Leute weg. Dadurch wurden diese Konzerne so mächtig. Ich kann nicht wegschauen. Und meine Mutter: Die werden dich umbringen. Ich: Na ja, so ist das. Aber ich kann nicht wegschauen. Ich kann das nicht. Was ich machen kann, mache ich. Ich rede über die Zerstörung, schreibe darüber, mache Filme. Ich mache die Zerstörung öffentlich. Die Arroganz der Konzerne macht mich wütend. Ich muss was tun.

Wissen Sie was, das passt jetzt nicht ins Interview, aber mir kommt die Verve und Direktheit, mit der Sie Ihre Haltung zeigen, irgendwie deutsch vor?

Ja, das ist so. Ich finde es wichtig, über die Zerstörung der Höhlen und der Meere zu reden. Vielleicht animiert es andere, etwas zu tun. Die Leute müssen verstehen, wie wichtig es ist, die Umwelt zu schützen. Wünschen kann man es sich ja.

(Quelle: taz.de 30.07.2011)

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