Sherrie Levine – Piratin der Kunst

KUNST Piratin der Kunstwelt
Copyright, ade: In Köln zeigt die amerikanische Künstlerin Sherrie Levine ihren Fotozyklus „Nach August Sander“ Von Alexandra Wach

Muskelspiele und die Ehrfurcht vor den Produkten männlichen Bedeutungsdrangs sind ihr ein Graus. Das zumindest ist nicht nur aus der Ecke der feministischen Kunsttheorie zu vernehmen. Authentizität? Überbewertet. Widerstand gegen den alltäglichen Bilderstrom? Zwecklos. Bei Sherrie Levine liegen Skeptiker des Originals, die Urheberschaft zum lästigen Konstrukt erklären, immer richtig. Denn ist das Wirken der institutionskritischen Konzeptkünstlerin nicht ein einziger Feldzug gegen das Copyright?

Die einst anarchische Respektlosigkeit hat sich immerhin ausgezahlt. Die Werke der Ideen-Piratin haben längst Einzug in Museen gehalten. Das hindert sie nicht daran, ihre Mission gegen das vermeintlich sakrosankte Regelwerk des Marktes fortzusetzen. Kein Wunder, erfreut sich doch die über 30 Jahre alte Absage an die Autorschaft im digitalen Zeitalter einer unerwarteten Renaissance.

Die wilden Jahre der „Appropriation Art“, der gezielten Aneignung einer erprobten fremden Künstlerposition, sind zwar vorbei, aber warum etwas ad acta legen, das sich unbegrenzt fortsetzen lässt? Fast möchte man die hohe Kunst der Fälschung für eine Erfindung von Andy Warhol halten. Wer so fachkundig das Inventar der Popkultur zu multiplizieren wusste, dem musste auch die Idee, Bildern von Bildern zu produzieren, gefallen. Als sich Elaine Sturtevant Mitte der Sechzigerjahre in der Factory des Meisters seine „Blumenbilder“ aneignete und ihren Namen in die Bildecke setzte, zeigte sich der Beklaute großzügig. Er überreichte seiner Fälscherin gleich die Originalsiebdruckfolien.

Levines Irritationspotenzial reichte stets weiter, vielleicht, weil ihr Zugriff auf fremdes Material immer auch ein politisches Statement bereithielt. Hierarchien gehören zu den Dingen, die sie für Überbleibsel aus grauer Vorzeit hält, ebenso wie der Erfindungsimperativ, der entspanntes Arbeiten jenseits des Zwangs zur Originalität hemme. Deshalb geht es ihr auch gar nicht um die Offenlegung von Querverbindungen. Vielmehr fällt ihre Verweigerung grundsätzlich aus – und was das heißt, lässt sich jetzt in einer Doppelschau der Kölner Rafael Jablonka und Priska Pasquer studieren. Verteilt über die jeweiligen Galerien und den gemeinsamen Raum des Jablonka Pasquer Projects gibt es die seltene Gelegenheit zum Abgleich von Original und Wiederholung.

1981 legt die Amerikanerin mit „After Walker Evans“ den Grundstein ihrer bis heute nicht abreißenden Kleptomanie: Sie fotografiert die berühmte Fotoserie „Let Us Praise Now Famous Men“ (1936) von Evans schlicht ab und stellt die Foto-Fotos unter dem eigenen Namen aus. Ein Unterschied zur Originalserie des bekannten Kollegen ist mit dem menschlichen Auge nicht zu erkennen. Diese Einverleibung ist nicht etwa als Hommage auf den sozialkritischen Dokumentaristen der Großen Depression gedacht. Was an die Oberfläche drängt, sind die Konditionen der Bildproduktion. Im Nachhinein scheinen sie nur noch dem Ruhm ihres Urhebers zu dienen, der anklagende Ton verpufft im kunstgeschichtlichen Kanon.

Das Ausstellen der Reproduktionen aus dem berühmten Fotoband erwies sich folglich als das Programm einer radikalen Verächterin der Kreativität, die nicht nur das zeitökonomische Abfotografieren zu schätzen wusste. Nach der ersten Inbesitznahme wechselte die 1947 geborene „Fake“-Prophetin das technische Terrain und nahm Duchamps Readymades in Angriff. Sie ließ sein Urinal, die Ikone der Avantgarde, unter dem ironischen Titel „Fountain“ als golden blinkende Skulptur zurückkehren. Seitdem ist kaum ein Künstler der Moderne vor ihrer Aneignung sicher. Le Corbusiers „Polychromie“, ein Farbenkatalog für die Einrichtung von Innenräumen, wechselte bei Levine gänzlich ins Stadium monochromer Malerei. Wirklich zersetzend waren diese Replikas nicht, festigten aber einmal mehr den Ruf einer begnadeten Recyclerin.

Die 18-teilige, mit 150.000 Dollar veranschlagte neue Serie „Nach August Sander“, die derzeit bei Jablonka Pasquer Projects in Köln zu sehen ist, kehrt da fast schon zu den Anfängen zurück. Wieder ist es ein Klassiker der Fotografie, das typologische Gesellschaftspanorama der Weimarer Republik „Menschen des 20. Jahrhunderts“, das Levine einer Auslese aus 36 Originalen unterzieht. Diese 36 Originalfotografien sind ebenfalls zu sehen – allerdings in räumlicher Trennung in einem Nebenraum der Galerie Jablonka.

Levine dreht ihr Verwertungskarussell weiter und arrangiert in korrekter Ausgewogenheit jeweils neun Frauen- und Männerporträts nebeneinander. Ihre künstlerische Eigenleistung fällt wie so oft nur minimal ins Auge. Dazu gehört auch die gewollt miserable Qualität der abfotografierten Abzüge, ihre abweichende Unschärfe, die eine Tendenz zur Abstraktion erkennen lässt.

Reste an narrativer Kraft birgt dagegen die Bronze „Phrenology Cranium“ von 2006. Die den Raum starr beäugende Büste, erschaffen aus dem Geist der zu Beginn des 19. Jahrhunderts verbreiteten Pseudolehre der Phrenologie, verblüfft mit einem zunächst rätselhaften Schädel. Seine Oberfläche umspannt eine Landkarte, die auf Hirnareale verweist, in denen sie geistige Fähigkeiten, Stimmungen und Missgefühle lokalisiert. Die kaum übersehbare Analogie zu Sanders Menschenatlas lässt schmunzeln und fordert zugleich Anerkennung ein für das Bemühen um eine gesicherte Quellenlage. Enttäuschend wenig Beißqualitäten beweisen indes „The Three Muses“ und „The Three Furies“, die bei Priska Pasquer ihr Unwesen treiben. Natürlich sind auch diese billig erworbenen, neu gegossenen und auf Hochglanz polierten Flohmarktskulpturen gesampelt. Auf wessen Konto die populären Sparschweine und schaurig verrenkten Monsterfiguren gehen, möchte man aber gar nicht mehr wissen. Die Lektion ist längst gelernt. Ob es auf dem Phrenologen-Schädel auch schon eine Region für empfohlene Sendepause gab?

(Quelle: Welt 12.05.2012)

bis 13. Juni 2012 bei
JABLONKA GALERIE
Rafael Jablonka
Lindenstraße 19
D-50674 Köln
www.jablonkagalerie.com

bis 20. Juni 2012 bei
Galerie Priska Pasquer
Albertusstr. 9-11
D-50667 Köln
www.priskapasquer.de

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DIE FREIBEUTERIN art magazin

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