Caitlin Moran – Feministin

BUCH Die englische Autorin hat ein außerordentlich witziges feministisches Manifest geschrieben

Caitlin Moran: Stolpern in zu engen Höschen
-Interview von Christina Böck für die Wiener Zeitung

In ihrem Buch „Wie ich lernte, eine Frau zu sein“ (Ullstein) schreibt Caitlin Moran über haarsträubende Dinge. Über ihre erste Menstruation, über den pragmatischen Umgang mit Schambehaarung, über unbequeme Unterhosen. Trotzdem ist dieses Buch eine Art feministisches Manifest. Weil es unverblümt allerlei Dinge anschneidet, die das Frausein im Alltag bestimmen – die aber niemand zum Thema macht. Moran macht das noch dazu mit funkelndem britischen Humor. Dabei bleibt sie nicht bei den wichtigen Banalitäten stehen, sondern erzählt etwa auch von ihrer Abtreibung: „Jede dritte Frau treibt ab und ich habe trotzdem noch niemals die Beschreibung einer Abtreibung gelesen. Darüber wird noch immer nicht geredet.“ Das Beste an Morans Buch ist freilich, dass sie sich für keine Pointe zu schade ist – und man lernt, dass moderne Feministinnen ihre BHs nicht mehr verbrennen müssen, sondern wissen, dass ihr BH ihr bester Freund ist.

„Wiener Zeitung“: Das ist das erste Mal, dass jemand aus dem Umfeld der Popkultur sich dieses Themas auf eine witzige Art annimmt – wollten Sie es dem intellektuellen Diskurs entreißen?

Caitlin Moran: Ich hätte das Buch schon vor zehn Jahren geschrieben, ich dachte aber, dass ich eine Qualifikation brauche. Einen Uniabschluss, oder zumindest alle Bücher über Feminismus gelesen haben sollte und vielleicht auch etwas weniger Make-Up tragen sollte. Ich ging dann zu ein paar feministischen Vorträgen und wurde dort so wütend, weil ich das viel besser könnte. Wenn du jemanden von einer politischen Sache überzeugen willst, dann ist doch die beste Art, es cool und lustig zu machen. Aber verstehen Sie mich nicht falsch: Alte Feministinnen haben das Recht, zornig zu sein, denn die mussten noch kämpfen und erklären, dass man Frauen nicht wie Tiere behandelt. Heute sagt man oft abschätzig, dass es nicht mehr notwendig ist, so schrill-kämpferisch zu sein, aber sie mussten, sie waren Soldatinnen.

Heute sollten feministische Ansichten eigentlich unangestrengt in unserem Bewusstsein verankert sein.

Ja, deswegen geht es in meinem Buch auch zur Hälfte gar nicht um Feminismus. Der Schnitt von Unterhosen hat nichts mit Feminismus zu tun. Aber es hat damit zu tun, dass man als Frau zufrieden ist. Das ist etwas, dass wir leicht schaffen – um keine zu kleinen Slips mehr zu kaufen, brauchen wir keine feministische Armee mehr.

Finden Sie Frauenfiguren in Film und Fernsehen eine Niederlage?

Alle berühmten Frauen, die die Popkultur in letzter Zeit hervorgebracht hat – von Bridget Jones zu den Frauen von Sex and the City – haben kein Bewusstsein für Feminismus. Die sind nur Konsumentinnen und lesen Ratgeberbücher. Die Frauen, die man sieht, sind verrückt und ungeschickt, wie Zoey Deschanel in dieser Comedy-Serie „New Girl“. Sie sagen tausendmal „Oh, das tut mir leid!“ Keine von denen sagt je: „Ich bin stark, gescheit und ich stolpere nicht dauernd!“ Weil es die einfachste Art ist, einen Lacher zu erzeugen – mit dummen, unsicheren Charakteren. Die Drehbuchschreiber müssten diese Frau selbst lustig kreieren, nicht die Tatsache, dass sie keinen Freund findet, zu viel Kuchen isst und dauernd hinfällt. Und immer wenn sie nervös ist, zu singen beginnt. Wenn ich sie treffen würde, müsste ich ihr eine knallen!

Seit der unerträglich neurotischen Ally McBeal der 90er hat sich da nicht viel geändert …

Es tut mir sehr leid, die gehört in eine geschlossene Anstalt. Aber sie ist Anwältin! Man stelle sich vor, sie vertritt einen vor Gericht und sagt, „Hi, ich habe einen Cafe Latte getrunken und dann bin ich gestolpert“, und man wird dann deshalb hingerichtet! Da wäre man doch rechtschaffen wütend!

Für Sie sind die Spice Girls die Wurzel allen Übels für den derzeitigen Feminismus?

Ja, denn damals hat man aufgehört, das Wort Feminismus zu verwenden. Es hieß plötzlich „Girl Power“. Man dachte, das ganze langweilige, politische Zeugs ist abgehakt, alle Schlachten sind gewonnen und Mädchen können wieder in aller Ruhe sexy sein und in Musikvideos nuttig tanzen. Feminismus war eine politische Bewegung, die die Gesetzgebung verändert hat, und Girl Power bedeutete im Grunde nur: „Mädels sollten gute Freundinnen sein“. Sehr innovativ!

Aber Lady Gaga gibt Ihnen Hoffnung?

Bei Popmusik geht und ging es meistens um Sex und darum, attraktiv zu sein. Aber heute trägt jede Frau, die ich im Musikfernsehen sehe, einen Bikini und bewegt sich, als hätte sie Sex mit einem unsichtbaren Geist. Also außer Adèle, die darf sogar Ärmel tragen, Gott segne sie. Lady Gaga singt zwar über Sex, aber nicht in einer Art, mit der sie Männer aufgeilen will. Und wenn es tatsächlich einen heterosexuellen Mann gibt, den eine Frau, die sich rohes Fleisch anzieht und Schuhe, die wie tote Katzen aussehen, zum Masturbieren bringt, dann sei ihm das um Himmels willen gegönnt.

Manche Kritiker finden, dass es heute kaum mehr starke Frauen im Pop gibt.

Kompletter Blödsinn. Die meistverkaufenden Stars sind heute Frauen. Lady Gaga, Katy Perry, Adèle. Dann gibt es aber auch Leute wie Björk oder Laura Marling, die für mich eine neue Joni Mitchell ist. Weibliche Kreativität ist im Moment außerordentlich.
Ja, aber es gibt auch Rihanna…

Sie ist ein brillanter Popstar, hat die besten Popsongs der letzten Dekade gemacht. Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist, dass ich mir schwer tue, meinen kleinen Töchtern zu helfen, Rihanna auf eine feministische Art zu verstehen. Ich habe nun beschlossen, dass das Schlüsselwort Mitleid ist. Wir bemitleiden sie jetzt dafür, dass sie in keinem Video eine Hose anziehen darf. Man stelle sich vor, sie bekommt ihre Tage oder hat eine Verkühlung. Kann ihr mal jemand eine Strickjacke reichen?!

Was sagen Sie dazu, dass die „Vogue“ beschlossen hat, auf ganz magere Models zu verzichten?

Es wäre nett, wenn das alle machen würden. Die Modeindustrie müsste mitziehen. Die Industrie sagt, dass die Produkte an den dünnen Models am besten wirken, aber das ist eine ganz kurzfristige Entwicklung. Als Liz Hurley berühmt wurde, da hatte sie dieses unglaubliche Versace-Kleid mit den Sicherheitsnadeln an, und sie wurde berühmt, weil sie darin so sexy ausgesehen hat. Heute würde man nicht mehr sagen: „Schau mal, Hugh Grants sexy Freundin“, heute würde man sagen: „Schau mal, Hugh Grants fette Freundin“. Ich würde mir wünschen, dass es ein größeres Spektrum von „normal“ gäbe. Uns werden immer dieselben Typen Frau gezeigt, eine sehr dünne blonde Weiße, eine sehr dünne Brünette, ein oder zwei Schwarze oder Asiatinnen. Wenn man als Vorbild gerne einen Transvestiten hätte, der sieben Sprachen spricht und ins Parlament einzieht, dann kann man darüber jederzeit etwas lesen. Aber die einzigen weiblichen Role Models, die man uns bietet, heiraten reich oder machen eine eigene Schmuckkollektion.

Oft wird auch gesagt, dass Frauen nicht so lustig sind wie Männer.

Wir sind mindestens so lustig und gescheit wie Männer, aber das weiß keiner, weil es nicht gezeigt wird. Deswegen ist Twitter so eine tolle Sache. Fernsehen und Radio sind voll von mittelalten Mittelklasse-Männern, die alle immer dieselben Witze erzählen. Alle lustigen Frauen, zumindest in England, haben Twitter noch vor den Männern für sich entdeckt. Die sagen jetzt: Warum soll ich in eine TV-Show gehen, wenn ich etwas Witziges zu sagen habe, sage ich es auf Twitter, dort habe ich eine Viertelmillion Follower. Und ich muss noch nicht mal das Haus verlassen, einen Babysitter suchen und mich schminken.

Apropos Schminken – in einem Ihrer Tweets verliehen Sie Ihrer Begeisterung Ausdruck über ein Produkt, das die Haare schön üppig macht. Wie feministisch ist das?

Ach, ich glaube nicht daran, dass man, wenn man sich für Mode und Kosmetik interessiert, keine Feministin sein darf. David Bowie hat auch Make-Up getragen und ich glaube ganz fest daran, dass alles, was David Bowie macht, absolut total in Ordnung ist.

(Quelle: Wiener Zeitung 01.06.2012)

Buch: How to be a woman- Wie ich lernte, eine Frau zu sein
Verlag: Ullstein Buchverlage
ISBN/EAN: 978-3-550-08002-9
Link Ullstein

weitere Informationen:
Homepage Caitlin Moran

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